Mythen in Tüten

Superfoods wie Chia-Samen, Goji-Beeren oder Matcha-Tee werden wahre Zauberkräfte nachgesagt. Um gesund zu essen, muss man aber nicht zu Exoten greifen, sondern kann einfach auf den Wochenmarkt gehen.

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Die Kraft exotischer Körner

Haben Sie auch schon einmal  im Supermarkt gestanden und sich über die vielen neuen und exotischen Produkte in den Regalen gewundert? Was früher weitgehend auf Reformhäuser und Bioläden beschränkt war, hat nun auch die großen deutschen Supermärkte und Discounter erobert: Nahrungsmittel, die als besonders gesund gelten und denen sogar Heilkräfte zugesprochen werden. Da sind zum Beispiel Chia-Samen: Durch ihren besonders hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren sollen sie schlank machen, den Blut­zucker regulieren und sich positiv bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswirken. Durch ihre hohe Quellfähigkeit halten sie lange satt und eignen sich zudem als vegane Alternative zu Gelatine und anderen Stärkeformen. Geerntet werden die kleinen Körner in Südamerika, bevor sie bei uns im Supermarktregal landen.

Ebenfalls im Trend liegen Goji-Beeren. Den getrockneten Früchten des Bocksdornstrauchs wird nachgesagt, dass sie das Immunsystem stärken und den Alterungsprozess aufhalten. Oder Matcha-Tee: Muntermacher, Entzündungshemmer und angeblich heilsam bei Krebs und Alzheimer. Das grüne Pulver besteht aus gemahlenen Grünteeblättern. Sowohl Goji-Beeren als auch Matcha-Tee stammen aus Asien, vor allem aus China. Die Versprechungen rund um die neudeutsch „Superfoods“ genannten Lebensmittel klingen verlockend: Keine Pillen mehr schlucken, sondern Superfoods essen, und man wird schlank, schön, jung und gesund. Dass das seinen Preis hat – geschenkt. Oder?

Heidelbeeren: Schön blau dank Myrtillin, das auch freie Radikale neutralisiert (Foto: Getty Images/Creativeye99)

Topinambur: Die auch „Diabetikerkartoffel“ genannte Knolle beeinflusst den Blutzuckerspiegel kaum und unterstützt die Darmflora (Foto: Getty Images/chengyuzheng)

Ökobilanz der Superfoods

Was stimmt: Viele exotische Superfoods liefern tatsächlich große Mengen an gesunden Vitaminen, Mineralstoffen oder Antioxidantien. Allerdings gilt das auch für viele Früchte und Gemüse, die hierzulande wachsen – und weder einen langen Weg per Schiff oder Flugzeug nach Deutschland zurücklegen müssen noch unverhältnismäßig teuer sind. Dazu kommt, dass die Exoten oft nicht nur gesunde Inhaltsstoffe mitbringen, sondern oftmals auch Gifte und Schadstoffe. In einer großen Untersuchung der Zeitschrift „Ökotest“ schnitten mehr als zwei Drittel der geprüften Superfoods mit „mangelhaft“ oder „ungenügend“ ab. So wurden etwa in verschiedenen Chia-Samen deutlich erhöhte Pestizidwerte festgestellt. Zudem weist die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen darauf hin, dass übliche Portionen von Superfoods mitnichten mehr gesunde Nährstoffe enthalten wie die oft herangezogenen Vergleichslebensmittel. Beispiel Chia-
Samen: Sie enthalten zehnmal mehr Omega-3-Fettsäuren als Lachs. Das ist zwar nicht falsch – aber durch die naturgemäß kleinere Menge, die man davon essen würde, kaum relevant für die gesunde Ernährung. Und der Vi­tamin-C-Gehalt von Goji-Beeren ist nicht so extrem hoch, wie oft angepriesen wird: Eine einzige Orange enthält 16-mal mehr Vitamin C als 30 Gramm der teuren Beeren.

Finger weg von Pülverchen

Während die weitgehend naturbelassenen Beeren und Samen, wenn sie nicht gerade mit Schadstoffen belastet sind,  durchaus wichtige Nährstoffe beinhalten, von denen der Körper profitieren kann, raten die meisten Experten von Superfoods in Pulver- oder Tablettenform ab. Denn viele der gesunden Stoffe können nur „im natürlichen Verbund“ vom Körper verwertet werden, also wenn die ganze Frucht beziehungsweise das ganze Gemüse gegessen wird. Schädlich sind Pülverchen zwar nicht unbedingt, aber einen Nutzen bringen sie auch nicht – außer dass das Portemonnaie leichter wird.
Vom aktuellen Superfood-Trend profitiert der Handel offenbar mehr als die Verbraucher. Denn es lassen sich vermeintlich exotische Wundermittel teurer verkaufen als heimische Produkte. Antje Gahl, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), weist darauf hin, dass gerade Letztere oft unterschätzt wer-den: „In heimischen Produkten sind ebenfalls viele der bei Superfoods so hochgelobten positiven Inhaltsstoffe enthalten. Deutschland ist kein Vitaminmangelland. Um unseren Nährstoffbedarf zu decken, sind daher keine exotischen Früchte und Gemüse notwendig“ (siehe Interview).

Postelein: Der erfrischende Salat enthält viel Vitamin C, A und zellschützende Folsäure (Foto: Getty Images/tpzijl)

Super-Power vom Wochenmarkt

Der heimische Garten oder der Wochenmarkt hat einiges an regionalen Superfoods zu bieten. Einen Umweg über die USA musste etwa der gute alte Grünkohl nehmen, bevor er – dort als „kale“ zum Trendgemüse avanciert – auch in Deutschland in den Blick der Gesund­esser geriet. Das Wintergemüse ist eine wahre Vitaminbombe: Bereits eine Portion genügt, um genug Vitamin C für den ganzen Tag aufzunehmen. Daneben liefert es Vitamin A, B und K sowie antibakterielle Senföle. Statt Chia-Samen kann einfach geschroteter Leinsamen verwendet werden, dieser ist ebenfalls reich an den gesunden Omega-3-Fettsäuren. Auch viele Nüsse verfügen über sie – und sind jetzt im Winter fast überall frisch zu kaufen.

Ein weiteres heimisches Superfood, das momentan Saison hat: Rote Bete. Die violette Knolle, die es frisch auf dem Markt oder praktisch vorgekocht im Supermarkt gibt, enthält den Farbstoff Betanin. Dieser sorgt nicht nur für die Farbe, sondern wirkt gefäßschützend und immunstärkend. Zudem enthält Rote Bete Eiweiß, Vitamin C, B-Vitamine und vieles mehr. Und wer sich schon einmal auf den Sommer vorfreuen möchte: Tomaten, vorzugsweise selbst gezogene, können mit Lycopin punkten, das antioxidativ wirkt, also vor schädlichen Stoffen aus der Umwelt schützt. Durch Erhitzen der Tomate kann der Stoff sogar noch besser aufgenommen werden – eine selbst gemachte  Tomatensauce auf den Spaghetti ist also nicht nur lecker, sondern auch noch gesund.
Wer mehr über die heimischen Superfoods erfahren möchte: Der Blog wir-essen-gesund.de bietet eine gute Übersicht, viele Informationen rund ums Essen und ausgewählte Rezepte.

Was taugen Superfoods

So können die neuen Ernährungsstars beim gesunden Essen helfen.

Was ist besonders an Superfoods?
Antje Gahl: Sie weisen höhere Nährstoffgehalte als vergleichbare Produkte auf, also mehr Vitamine, Mineralstoffe oder sekundäre Pflanzenstoffe. Der Begriff Superfood ist allerdings nicht rechtlich definiert. Er kann also überall draufstehen, ohne dass das Produkt besonders gesund sein muss.

Was sind sekundäre Pflanzenstoffe?
Antje Gahl: Das sind etwa Vitamine, aber auch Farb- und Duftstoffe, die sich gesundheitsfördernd auswirken können. Wichtig ist, sie im natürlichen Verbund, also im Gemüse oder Obst, zu essen.

Wie sieht gesunde Ernährung aus?
Antje Gahl: Sie ist abwechslungsreich mit Schwerpunkt auf Gemüse, Salat und Obst. Saisonalen Produkten sollte der Vorzug gegeben werden, ebenso selbst gekochten Mahlzeiten. Und auch der Genuss sollte natürlich nicht zu kurz kommen.

Antje Gahl ist Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (Foto: PR)

 Titelfoto: Getty Images/andresr

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